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Ansteckende Lebenslust

Andreas Schätzel (Schulpfarrer am Rudi-Stephan-Gymnasium Worms) für die christlichen Kirchen in Alzey-Wöllstein und Umgebung

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Den englischen Film „Billy Elliot“ haben meine Frau und ich schon vor 20 Jahren gesehen, manche kennen ihn vielleicht. Ein Junge aus einer englischen Bergarbeiterfamilie entdeckt für sich, wie sehr ihn statt des verordneten Boxtrainings das klassische Balletttanzen fasziniert. Für seinen Vater ist so etwas aber undenkbar, und er verbietet dem Sohn, dieses Ziel weiter zu verfolgen. Es kommt, wie es kommen muss: Der Sohn gibt seinen Traum nicht auf, setzt sich durch, und am Ende erkennt der Vater, was seinem Sohn dieses Tanzen bedeutet. 

Dieser anrührende Film begegnete mir als Schulpfarrer wieder im digitalen Religionsunterricht. Seit Wochen geschieht das „Homeschooling“ nun unter nicht ganz einfachen Bedingungen. Ich schicke meinen Schülern per Mail ihre Aufgaben, und sie senden mir die Ausarbeitungen zurück. Ich bin erstaunt, wie verlässlich die Antworten bei mir eingehen. Das hätte ich nicht unbedingt erwartet. 

In der 7. Klasse waren „Lebensträume“ das Thema. Wir hatten die Josefsgeschichte aus dem Alten Testament besprochen und dass in dieser Geschichte Träume eine besondere Rolle spielten. Was in Josefs Leben zu Tiefpunkten führte, wurde mit Gottes Hilfe doch noch zum Guten gewendet. So hatten es die Jugendlichen kennengelernt. Nun sollten sie selbst kreativ werden. Die Aufgabe war, nach einer Vorlage ein eigenes Gedicht zu eigenen Lebensträumen zu schreiben. 

Ein Mädchen nahm dabei die alte Filmgeschichte von Billy Elliot auf. Sie schreib: „Tanzen! Nur tanzen. Das ist das einzige, was er will. Doch sein Vater sagt: Das ist nur etwas für Mädchen. Er verbietet es. Doch die Musik. Wenn sie startet, ist er nicht aufzuhalten. Die Musik. Sie lenkt seinen Körper. Er ist wie Feuer.“ 

Und auf einmal ist es nicht nur eine erledigte Hausaufgabe, auf einmal scheint die ganze Energie und Lebensfreude eines jungen Menschen auf, wenn er seinen Text schreibt. Da ist all das, was rausgehen soll und was sich ausdrücken will. Mich bringt dieser Text zum Lächeln. Da ist die Lebenslust von ihr und von den Mitschülern, von der ich mich gerne anstecken lasse, auch wenn ich zugleich darum weiß, dass derzeit gerade die Vorsicht und das Zurücknehmen uns gut tun. Und zugleich ist es diese Lebensenergie, die ansteckend ist. Gerade in dieser so anderen Zeit. Der Text geht dann so weiter: „Er liebt das Tanzen. Diese Liebe überzeugt seinen Vater. Er darf. Er darf vortanzen. Und er wird genommen.“ Das ist „Billy Elliot“ mit 13 Jahren in der Corona-Zeit.

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