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Die Kirchenvorstände im Schlitzer Land zu der Gründung der Gesamtkirchengemeinde

Von Gesamtstruktur profitieren, doch Eigenständigkeit bewahren

T. Schlitt

Zum 1. Januar entsteht die „Evangelische Christusgemeinde Schlitzerland“ - wie es dazu kam und was die einzelnen Gemeinden erhoffen, darüber sprachen Vertreterinnen und Vertreter der Kirchenvorstände aus Schlitz und Hutzdorf, dem Kreutzersgrund und Willofs.

Am Anfang stand die Pfarrstellenbemessung im Evangelischen Dekanat Vogelsberg: Eine halbe Stelle weniger für die Kirchengemeinde Schlitz und eine halbe Stelle weniger im Kreutzersgrund und Willofs – umzusetzen bis Ende 2022 und mit der besonderen Erschwernis, dass der Dekanatssynodalvorstand (DSV) beschlossen hatte, die halbe Stelle in Schlitz an der Stadtkirchenstelle festzumachen, deren Inhaber Pfarrer Siegfried Schmidt ist. „Natürlich hätte man bei einer Neuordnung auf zwei Pfarrstellen auch eine Stadtkirchenstelle nur für Schlitz lassen können und eine andere für die Dörfer rundherum, allerdings gab es da nicht nur das Veto der Hutzdorfer, die gerne bei Schlitz bleiben wollten, sondern der DSV hatte große Bedenken, eine Stelle mit fünf Dörfern (Hutzdorf, Willofs, Nieder-Stoll, Ützhausen und Bernshausen) und entsprechend vielen Predigtorten neu besetzen zu können“, führt hierzu Dekanin Dr. Dorette Seibert aus. Eine Lösung dafür zu finden schien am Anfang schwierig, verschiedene Modelle wurden angedacht und verworfen, doch nun ist sie gefunden: Zum 1. Januar entsteht die „Evangelische Christusgemeinde Schlitzerland“, deren zukünftige beide Pfarrstellen sich wie folgt aufteilen: Schlitz Obertor mit Hutzdorf und Willofs und Schlitz Untertor mit den Dörfern des Kreutzersgrund. Es wird einen Gesamtkirchenvorstand, einen gemeinsamen Haushalt und ein Gemeindebüro in Schlitz geben, einen gemeinsamen Gemeindebrief und eine gemeinsame Website. Auch der Konfi-Unterricht wird auf der Ebene der Gesamtkirchengemeinde stattfinden, während die einzelnen Kirchengemeinden weiter ihre Eigenständigkeit behalten: „Es war uns wichtig, dass wir genau wissen, wer unser Pfarrer ist und dass auch die Gottesdienste weiterhin in den Dörfern stattfinden“, so die amtierenden Kirchenvorstandsvorsitzenden im Gespräch. Dazu liegt bereits ein Gottesdienstplan für das erste Quartal im neuen Jahr vor. Mit welchen Gefühlen blicken die Vertreterinnen und Vertreter der Kirchenvorstände in die Zukunft ihrer neuen Gesamtkirchengemeinde?

Hoffnungsvoll zeigen sich Christa Wachter und Chris Gohlke aus dem Kreutzersgrund. Zum einen natürlich hoffen sie, dass die Gesamtkirchengemeinde vor zukünftigen Pfarrstellenkürzungen erst einmal gewappnet ist, zum anderen – so schmerzhaft die Kürzungen auch sind und so kritisch sie bewertet werden – bietet die Kombination aus dörflichen Strukturen und größer angelegten Angeboten der Stadt Schlitz viele Möglichkeiten – nicht nur für die Gemeinden, sondern auch für die Pfarrer, sind sich Wachter und Gohlke sicher. „Wir könnten uns vorstellen, dass sich hier ganz neue Impulse für das Gemeindeleben entwickeln und wir hoffen, dass sich dadurch auch jüngere Leute wieder mehr für dir Arbeit in der Gemeinde begeistern können“, so Wachter. Gleichwohl sieht sie auch die Anliegen der Älteren, die Sorge haben, dass sie in der Aufbruchstimmung vergessen werden: „Wenn es nur noch nach Schlitz zieht, wenn alles nur noch Online stattfindet und die Ortskirchen sich mehr und mehr zurückziehen, werden wir den älteren Menschen nicht mehr gerecht.“ Dass all das geht – nach vorne blicken, Neues schaffen und Gutes bewahren, davon sind Wachter und Gohlke überzeugt. Und sie sind sich einig: Die neue Gesamtkirchengemeinde kann nur gemeinsam geschaffen werden und gemeinsam wachsen. Dass es überhaupt zu diesem Konstrukt kam, das nach vielen Verhandlungen für alle akzeptabel war, sei ein großes Verdienst von Pfarrer Siegfried Schmidt, wie Wachter und Gohlke lobend hervorheben. Natürlich gebe es in den Gemeinden auch Gegner dieser Lösung, auch Gleichgültige. Ihnen ruft Gohlke zu, dass alle wichtig sind, dass viele Kompetenzen und Erfahrungen gebraucht werden und man offene Türen hat für Menschen, die sich in der Gemeinde engagieren möchten.

Für Karl Schlitt und seine Kirchenvorstandskollegin Ingeborg Lang vom Kirchenvorstand in Willofs lag mit der Pfarrstellenkürzung eine stärkere Anbindung an Schlitz auf der Hand: „Unsere Dörfer ziehen ohnehin nach Schlitz, sei es zur Verwaltung, zum Einkaufen, in die Schule – man kennt sich schon, und so ist das für uns sicher eine gute Lösung“, so Schlitt, zumal Pfarrer Sachs bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2022 im Kreutzersgrund und Willofs bleibt. „Es wird sich also erst einmal gar nicht so viel ändern“, so die Hoffnung, zumal die aktuell noch bestehende dritte Pfarrstelle auch noch ausgeschrieben und besetzt werden kann. „Bei allem, was jetzt entschieden wurde, standen die Menschen im Vordergrund“, ergänzt Lang. „Gerade die älteren Menschen hängen an ihrem Ort und an ihren Kirchen – dass wir nun eine Lösung haben, die die Eigenständigkeit der Dörfer und der Ortskirchen bewahrt, ist von großer Bedeutung.“ „Unter die Fuchtel“ der Stadt Schlitz, die mit vielen Angeboten und Möglichkeiten im Vergleich zu den Dörfern sicher eine besondere Stellung einnimmt, wollen die Dörfer keinesfalls, dennoch: „Wir in den Dörfern können sicher von den Strukturen in Schlitz profitieren“, hofft Lang mit Blick auf die verschiedenen Gruppenangebote, die sich in der Burgenstadt etabliert haben und die in den Dörfern oft schwer aufrechtzuerhalten sind. Auch „frischen Wind“ für das Gemeindeleben erhofft man sich in Willofs: „Man hat gesehen, dass man gemeinsam gestalten kann, das ist ein gutes Zeichen“, findet Kirchenvorsteherin Ingeborg Lang.

Mit der Aufteilung und der Gründung einer Gesamtkirchengemeinde ist auch Hutzdorf sehr zufrieden. Seit vielen Jahren pfarramtlich mit Schlitz verbunden, fühlte man sich dort gut aufgehoben und vernetzt. Andrea Schubert vom Hutzdorfer Kirchenvorstand sieht in der Zentralisierung von Verwaltungsaufgaben auch gleichzeitig Möglichkeiten, sich anderen gemeindlichen Aktivitäten zuzuwenden. Eine Aufteilung nach Gaben und Prioritäten innerhalb der Pfarrstelleninhaber und der ehrenamtlichen Teams könne viel bewirken. Gleichzeitig findet auch sie es wichtig, dass für die einzelnen Dörfer und Stadtgebiete klar sei, wer ihr Pfarrer ist.

Dass es sich bei all dem dennoch um einen Kompromiss handelt, macht indes Hartmut Dietz klar. Das Schlitzer Kirchenvorstandsmitglied gibt unumwunden zu, dass Schlitz sich eine andere Lösung gewünscht hätte. Nicht nur die Pfarrstellenbemessung an sich, sondern auch die Art, wie von Seiten der Dekanats- und Kirchenleitung damit umgegangen worden sei, habe gerade in Schlitz zu Frustration geführt. Eine gemeinsame Lösung zu finden, hinter der alle Kirchengemeinden stehen konnten, sei schwierig gewesen, so Dietz, und doch: „Jetzt ist es so entschieden und wird umgesetzt. Jeder Weg hat seine Vorteile“, blickt er nun nach vorn.

Wichtig ist auch ihm, dass die Ortskirchen und ihre Vertreter sich die Eigenständigkeit bewahren. „Schlitz kann und will keine Vorreiterrolle einnehmen“, stellt er klar und verweist auf die aktuell sehr schwierige Situation in der Gemeinde: Nach dem Weggang von Pfarrer Johannes Wildner und der Erkrankung von Pfarrer Siegfried Schmidt sind hier viele Aktivitäten von den ehrenamtlichen Mitgliedern im Kirchenvorstand und in der Gemeinde zu stemmen: Stellenausschreibungen, die neue Satzung, Gottesdienstpläne, Vorbereitung der Kirchenvorstandswahlen im neuen Jahr: „Bei aller Belastung sieht man hier aber auch, dass die Kirchengemeinden als solche eine Zukunft haben – gerade weil das Ehrenamt so viel leistet und obwohl die Strukturpolitik der Kirchenleitung nicht konstruktiv ist.“ Dem pflichtet auch Erika Wunsch, ebenfalls vom Schlitzer Kirchenvortand, bei. Sie erkennt an diesem Engagement auch, dass den Menschen das Gemeindeleben wichtig ist, und dass sie es gerne auch mitgestalten. „Dazu wäre es natürlich hilfreich, wenn sich Kirchenvorstände praktischer einbringen könnten und sich nicht ausschließlich mit Verwaltung und Organisation beschäftigen müssten“, ergänzt Dietz. Sich als Stadtkirche in der Region, ins Schlitzerland, zu öffnen, findet er positiv. Genauso sollten sich die Ortskirchen aber auch öffnen – auf diese Art und Weise könnten alle voneinander profitieren und schauen, welche Angebote es auch jetzt schon gibt, an denen alle in der Gesamtkirchengemeinde teilhaben könnten. „Die Ortskirchen bieten beispielsweise einen großen Schatz an Möglichkeiten für schöne Freiluftgottesdienste“, findet Andrea Schubert. Und die Jugend werde ohnehin profitieren: Juleica-Ausbildungen, Freizeiten – viele Dinge kann man in der größeren Struktur besser realisieren, sind sich alle Kirchenvorstandsmitglieder einig. „Auch die Gemeindewerkstatt wird sich für alle öffnen“, so Wunsch, die viele Angebote auch als Begegnungsmöglichkeit sieht – und das zwar mit Unterstützung der Kirchen, aber offen für alle Menschen und Generationen.

Insgesamt, so wurde klar, sehen alle Dörfer im Schlitzerland und Schlitz selbst die neue Gesamtkirchengemeinde als Chance. „Festhalten an dem, was wir haben, und offen sein für das, was sich entwickelt“, fasst Hartmut Dietz die Situation des Aufbruchs zusammen und stellt fest: „Nicht wir bauen Gemeinde, sondern Gott – und der hat sich bei all dem wohl etwas gedacht.“

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