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hr1 Sonntagsgedanken

Du Opfer!

Karsten Fink / MedienhausPortraitfoto: Pfarrerin Ksenija AuksutatPfarrerin Ksenija Auksutat

Die Gruppe der Jugendlichen hatte sich schon eine ganze Zeit lang hochgeschaukelt. Fünf Jungs und drei Mädchen standen einem weiteren Jungen gegenüber. Immer wieder wurde der provoziert, angegangen und abgedrängt.

Über die Unmöglichkeit einer Beschimpfung

Er war immer weiter zurückgewichen und stand jetzt mit dem Rücken zur Straße. Weiter zurück konnte er nicht gehen, ohne das Risiko, überfahren zu werden. „Hau doch ab, wenn du kannst“, sagte der Wortführer, „du Opfer!“

Die anderen Jugendlichen standen hinter dem, der so schrie. Niemand stellte sich an die Seite des Jungen, der da mit diesen Worten gerade fertig gemacht wurde. Mit diesem fiesen Spruch, höhnisch, spöttisch, voller Verachtung: Du Opfer!

Dann war es vorbei. Der Anführer der Clique spuckte noch vor dem verängstigten Jungen auf den Boden, dann drehte er sich um, der Rest der Meute folgte. Mit hochrotem Kopf, hinter sich die stark befahrene Straße, blieb der Junge allein zurück.

„Du Opfer!“ So pöbeln immer wieder Jugendliche andere an.

Ich frage mich: Warum „Opfer“? Warum verwenden sie so ein Wort, um damit jemanden fertig zu machen? Das Wort „Opfer“ kommt ja eigentlich aus der Religion.

Ich wollte es wissen und habe zuerst meine Konfirmanden-Teamer gefragt: Warum sagt jemand „Opfer“ als Schimpfwort? Sie zögern. „Das ist doch nur so ein lockerer Spruch“, meint einer. Ein anderer widerspricht. „Ich finde, das ist ein ganz schlimmer Spruch, um jemanden fertig zu machen. ‚Du Opfer!‘ bedeutet doch: Hey, Dich braucht sowieso niemand.“

Eine andere stimmt zu: „Damit drückt man doch aus, dass jemand total wehrlos und hilflos ist, und nichts gegen die Angreifer machen kann.“

Was die Jugendlichen damit sagen: Der Spruch „Du Opfer!“ steht oft am Ende einer ganzen Reihe von Konfliktstufen. Die Jugendlichen kennen auch das Phänomen, dass sich fast immer ein Wortführer damit stark macht. Der will offensichtlich seine Stellung in der Gruppe festigen und sein Selbstwertgefühl steigern. Und meist richtet er sich gegen einen Einzelnen, der vor der übrigen Gruppe damit bloßgestellt wird. Einer, der sich nicht wehren kann, der nichts zu sagen hat und nicht mehr dazu gehört.


Die kompletten Sonntagsgedanken von Pfarrerin Ksenija Auksutat gibt es ab dem 17. März 2019, 8 Uhr, zum Nachlesen auf  kirche-im-hr.de

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