Hans-Peter Gieß geht nach 36 Jahren als Pfarrer in Langsdorf und Bettenhausen in den Ruhestand
„Hier bin und bleib ich daheim“
Patricia Luft
29.01.2026
ast
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„Es ist schön, dass ihr hier seid. Ich bin aufgeregt“, sagt Gieß zur Begrüßung. Ein Satz, der so schlicht ist wie er selbst. Und der viel über ihn erzählt.
Am 1. Januar 1990 trat Hans-Peter Gieß seinen Dienst als Pfarrer in Langsdorf und Bettenhausen an. Was folgte, waren nicht einfach 36 Berufsjahre, sondern ein gemeinsames Leben. „Ich habe die 36 Jahre wegen euch sehr zu schätzen gelernt“, sagt er an diesem Abschiedstag. „Wir feiern heute das Leben.“
Und genau das war es, was ihn all die Jahre getragen hat: das Leben der Menschen – ihr Lachen, ihr Weinen, ihre Brüche und Hoffnungen. Für ihn zählte nie zuerst die Kirchenzugehörigkeit. „Am wichtigsten war es, für die Menschen da zu sein“, sagt er rückblickend. Menschen, nicht Gemeinde. Vielleicht erklärt das, warum er im Laufe der Jahre auch viele katholische Dorfbewohner beerdigte. „Du bist unser Pfarrer, dich kennen wir“, sagten sie.
Gieß war nie jemand, der sich in den Mittelpunkt stellte. Er verstand sich als Teil eines Teams – in Langsdorf und Bettenhausen, in den Kirchenvorständen, in den Chören, in der Jugendarbeit. Kompetenz stärken, Menschen ermutigen, ihnen zutrauen, dass ihre Ideen zählen: Das war sein Stil. „Oft einfach dadurch, dass ich nicht im Weg stand“, schreibt er. So wuchs über Jahrzehnte ein lebendiges Gemeindeleben, getragen von vielen Talenten: Chöre, Kirchenband, Kinder- und Jugendarbeit, vielfältige Gruppen aller Generationen.
Zu diesem Miteinander gehörte auch Verantwortung jenseits des Sonntagsgottesdienstes: Von 1992 an hatte der Kirchenvorstand Langsdorf über 28 Jahre die Trägerschaft des Kindergartens in Langsdorf inne. Eine Aufgabe, die schön war – und manchmal auch anstrengend. Für Gieß war sie vor allem eines: gelebte Kirche. Oft kam er mit der Gitarre in die Kita, sang mit den Kindern und brachte Musik und Glauben spielerisch zusammen. Eine Männergruppe habe gefehlt, sagt er mit einem Augenzwinkern – vieles andere nicht.
Seinen ersten Predigttext in Langsdorf hat er bis heute präsent: Noah, die Arche, die Taube. Es ging um das Erkennen und Stärken von Fähigkeiten. Ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch sein Wirken zieht. „Wir waren ein Team“, sagt er. Zwei Dörfer, zwei Gemeinden – gemeinsam unterwegs. „Weil wir das Leben miteinander teilen.“ Und weil man, wie er es formuliert, „an einem Tisch sitzt“ – im übertragenen wie im ganz realen Sinn.
Dass Musik für ihn immer eine besondere Rolle spielte, war auch an diesem Abschied nicht zu überhören. Der Chor sang „An Tagen wie diesen“. Der Artchor – der frühere Jugendchor – sang ohne seinen Leiter Thomas Bailly, der krankheitsbedingt fehlte. Begleitet wurde der Chor am Klavier von Kantor Christof Becker. Der Spatzenchor und der Kinderchor unter der Leitung von Jennifer Roth stimmten sein Lieblingslied „D.A.N.K.E.“ an. Der Kinderchor feiert in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen.
Es war ein Gottesdienst voller Klang, Wärme und leisem Humor. „Ihr hattet 36 Jahre lang Zeit, mich zu hören“, sagte Gieß schmunzelnd. „Deshalb halte ich heute keine große Predigt.“
Die Pröpstin für Oberhessen, Dr. Anke Spory, entpflichtete ihn aus seinem Dienst. Sie erinnerte daran, wie sehr es ihm immer darum ging, mittendrin zu sein: bei unzähligen Gottesdiensten, Taufen, Konfirmationen, Hochzeiten und Beerdigungen. Generationen hat er begleitet, Familien über Jahrzehnte hinweg. Sein Vikariat hatte er einst bei Pfarrer Friedhelm Kalbhenn in Alsfeld gemacht – ein Vorbild, wie er sagt. Und vielleicht auch der Ursprung seiner Haltung: nah bei den Menschen, dort, wo sich das Leben abspielt.
Auch in den letzten Jahren blieb dieser Blick auf den Menschen zentral. Ab 2021 übernahm Hans-Peter Gieß die Aufgabe des evangelischen Seelsorgers im Seniorenheim Menetatis in Lich. Eine sehr erfüllende und schöne Aufgabe, wie er sagt – geprägt von Nähe, Gesprächen und unvergesslichen Gottesdiensten. Auch im Ruhestand wird er dem Haus verbunden bleiben: Einmal im Monat wird er dort weiterhin einen Gottesdienst gestalten.
Auch Barbara Lang, Dekanin im Gießener Land, fand klare Worte: „Du warst immer mittendrin, immer da, immer mit Musik.“ Dabei habe er es verstanden, selbst in schwierigen Situationen etwas Positives und Fröhliches hineinzubringen. Ein verlässlicher Kollege, eine Bereicherung für das kirchliche Leben. „Du warst zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“
Als Hans-Peter Gieß schließlich selbst noch einmal spricht, fehlen ihm die Worte. „Es kommt nicht oft vor, dass euer Pfarrer sprachlos ist, aber heute bin ich es.“ Dann sagt er: „Ihr seid ein Segen für unsere Gemeinde.“ Und später, mit fester Stimme: „Hier bin ich daheim – und das wird auch der Ruhestand nicht ändern.“
Denn Gieß bleibt in Langsdorf wohnen. Ab dem 1. März 2026 beginnt für ihn offiziell der Ruhestand – mit Zeit für Familie, für seine Bluesgitarre, für die Trompete. Aber wer ihn kennt, weiß: Ganz weg sein wird er nie.
Nach dem Gottesdienst in Langsdorf fanden sich rund 400 Menschen zusammen in der Volkshalle. Grußworte, Sketche, Gespräche – und etwa 60 selbstgebackene Kuchen und Torten. Es ist ein Fest, wie es zu ihm passt: herzlich, gemeinschaftlich, getragen von Dankbarkeit.
Bereits eine Woche zuvor, am 18. Januar, hatte die Kirchengemeinde Bettenhausen ihn mit einem eigenen, kleineren Abschiedsfest überrascht. Ohne sein Wissen gestaltete der Kirchenvorstand einen Gottesdienst, die Kirche war voll besetzt. Die Gitarrengruppe spielte, der Gesangverein Eintracht Bettenhausen sang, die Kirchenband trat auf, das Weihnachtsblasorchester musizierte. Im Anschluss kamen die Menschen zu einem Sektempfang rund um die Kirche zusammen.
36 Jahre lang hat Hans-Peter Gieß nicht nur gepredigt, sondern zugehört. Er hat Menschen ernst genommen, ihnen Raum gegeben und Mut gemacht. Vielleicht ist genau das sein größtes Vermächtnis: dass Kirche dort lebendig wird, wo Menschen einander begegnen – und jemand da ist, der mit ihnen das Leben teilt.





