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Volker Jung zur Euro 2020

Fußball-EM: Lust an Gemeinschaft und Angst vor dem Superspreader

EKHN/RahnKirchenpräsident Volker Jung im Frankfurter Waldstadion bei FilmaufnahmenKirchenpräsident Volker Jung im Frankfurter Waldstadion bei Filmaufnahmen

Volker Jung ist nicht nur hessen-nassauischer Kirchenpräsident, sondern auch Sportbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Interview mit dem fußballbegeisterten Theologen zu vollen Stadien, leeren Vereinskassen und dem Nachwuchs auf dem Rasen.

Die Fragen stellte Renate Haller, Evangelische Sonntags-Zeitung  

Herr Jung, während der Corona-Pandemie mussten die Fußballstadien leer bleiben. Was denken Sie: Werden die Fans in die Stadien zurückkehren, sobald das wieder möglich ist, oder haben sie gemerkt, dass es auch ohne Fußball geht und sich das Geld für das Ticket sparen?

Jung: Es ist derzeit zwar sehr interessant, die Ansagen der Spieler und Trainer auf dem Rasen mitzuverfolgen, die sonst von der Stadionatmosphäre übertönt wird. Aber ich bin mir sicher: Fußball ohne Fans geht auf Dauer nicht. Die Menschen suchen die besondere Atmosphäre eines Stadions und die Gemeinschaft. Es gibt bereits Indikatoren für die Rückkehr der Fans. Beim Bundesligaspiel Union Berlin gegen RB Leipzig waren schon 2.000 Zuschauer zugelassen und kamen auch.

Und die Zukunft?

Wahrscheinlich werden sich viele Fans und auch die Vereine noch eine Weile in einem Spagat befinden: Einerseits die Freude daran, ein Spiel hautnah mitzuerleben, und andererseits die Furcht, womöglich in ein Superspreader-Event hineinzugeraten. Ich hoffe sehr, dass die EM auch dazu beiträgt, besonders bei Kindern und Jugendlichen die Lust am Fußball und am Sport überhaupt zu fördern. Dies ist gerade nach der für viele bewegungsarmen Pandemiezeit sehr wichtig. 

Der Kauf und Verkauf von Fußballspielern wirkt wie eine moderne Form des Menschenhandels. Wie sehen Sie das aus ethischer Perspektive?

Der Begriff Menschenhandel ist hier unangemessen. Dann schon eher – auch wenn das sehr militaristisch ist – Söldnerwesen. Hier ist eine Person durch einen Vertrag gebunden, die zeitlich befristet  um das Erreichen eines Zieles kämpft. Dass die Spieler und ihre Berater vertraglich auch Erfolgsprämien vereinbaren, steigert ihre Motivation, die mit persönlichem Gewinn verbunden ist. Verträge werden außerdem nicht ohne die Zustimmung der Spieler abgeschlossen. Es ist auch nicht verwerflich, dass Spieler in der begrenzten Zeit, die sie im aktiven Sport haben, möglichst viel erwirtschaften wollen.  

Also gar keine Probleme? 

Die Probleme sehe ich auf anderen Ebenen. Da ist zum einen die Spannung zwischen den kommerziellen Interessen und der Identifikation mit einem Verein. Das ist insbesondere für die Fans manchmal schwer zu ertragen, insbesondere dann, wenn Aussagen nicht mehr verlässlich sind. Zum anderen können die Höhe der Ablösesummen und das Gehaltsniveau dauerhaft den sportlichen Wettbewerb gefährden. Das führt zu finanziellen Abhängigkeiten und verstärkt die Konzentration auf wenige finanzstarke Vereine.

Während der Corona-Krise sind die Ablösesummen und die Gehälter für Spieler zurückgegangen. Sehen Sie eine Chance, die Überkommerzialisierung im Fußball wieder etwas zurückzudrehen?

Ja, von einer neuen Demut ist die Rede. Es wäre absolut  wünschenswert, dass daraus auch nachhaltige Einsichten würden, um den Stellwert des Fußballs als Breitensport nicht zu gefährden. Sie ist für etliche Traditionsvereine sogar unabdingbar, weil sie hochverschuldet am Rand ihrer Existenz stehen. Ich fürchte aber: Über kurz oder lang wird das wieder ausgehebelt werden, weil mancher Fußballverein durch Gelder von Investoren unverantwortlich hohe Beträge zahlen kann, die wiederum zu einer Verzerrung des Wettbewerbs führen.

Zum Teil werden sehr junge Spieler für sehr viel Geld eingekauft  - etwa Erling Haaland und Youssoufa Moukoko in Dortmund oder Jamal Musiala in München - und bekommen hohe Gehälter. Nicht jeder kann damit umgehen. Wie viel Verantwortung tragen die Vereine für die soziale Entwicklung ihrer Spieler?

Jeder Bundesligaverein in der 1. und 2. Liga ist durch die DFB-Statuten dazu verpflichtet, ein Leistungszentrum zu führen, in vielen Fällen mit angeschlossenem Internat. Dort sind nicht nur sportlich orientierte Trainer tätig, sondern auch viele weitere Berufsgruppen wie Pädagoginnen und Pädagogen, die ein Auge auf die Spieler haben. In den Leistungszentren wird vertreten, dass jeder Spieler neben dem Plan A, Profi zu werden, mindestens auch den Plan B verfolgt, nämlich einen Schulabschluss zu erlangen, der im Fall des Scheiterns der Fußballkarriere berufliche Alternativen bietet. In den Leistungszentren werden junge Spieler auch im Blick auf ihre soziale Entwicklung begleitet. Sie lernen im Team. Sie werden begleitet von Bezugspersonen. Sie erhalten auch Schulungen zum Umgang mit Medien. Immer wieder stellen sich Vereine schützend vor junge Spieler, um die medial ein Hype gestartet wird. Diese Beispiele zeigen, dass die Vereine um ihre Verantwortung für die soziale Entwicklung ihrer jungen Spieler zunehmend wissen. Das ist eine gute Entwicklung.

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