Diakoniezentrum Groß-Gerau
Kirche im Gespräch mit Politik
Heidi Förster
05.02.2026
hf
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Eingeladen hatten die Regionale Diakonie Groß-Gerau mit deren Leiter Lucian Lazar, der Caritas, vertreten durch Franziska Schäfer, das Evangelische Dekanat Groß-Gerau-Rüsselsheim und Ingrid Reidt von der katholischen Betriebsseelsorge, die den Abend moderierte. Zu Beginn der Podiumsdiskussion im voll besetzten Saal des Groß-Gerauer Diakoniezentrums wurde kurz an Erfolge in der Gesundheits- und Sozialpolitik von der Schulsozialarbeit über das Frauenhaus im Nordkreis, die Kreisklinik und die soziale Betreuung von Flüchtlingen erinnert.
Zu der Frage, welche konkreten Maßnahmen geplant sind, um eine gerechte Gesellschaft zu fördern, nannte Monika Freitagsmüller, Spitzenkandidatin für die Freien Wähler, die Stärkung der Kindertagesstätten. Sozialverbände möchte sie unterstützen, um Menschen durch niederschwellige Angebote Teilnahme an Kultur und Gesellschaft zu ermöglichen. Lars Nitschke vom Bündnis 90/Die GRÜNEN möchte sich für eine bessere Vernetzung im Bereich der Jugendhilfe einsetzen und die Beteiligung von Jugendlichen, Bildungsangebote und Demokratieförderung verstärken. Marcus Kretschmann, Bürgermeister in Riedstadt und Vorsitzender der CDU-Fraktion im Kreistag, möchte sich weiterhin gemeinsam mit den Kirchen dafür einsetzen, „Gemeinschaft gegen Isolation“ zu fördern. Dabei hob er die Bedeutung der evangelischen Kindertagesstätten hervor. Robin Riedel als Vertreter der LINKEN wünscht sich angesichts steigender Kinderarmut und Rechtspopulismus ein gemeinsames Auftreten gegen soziale Kürzungen und die Schaffung von Infrastrukturen, um faschistischen Weltbildern geschlossen entgegenzutreten.
Landrat Thomas Will, seit 2010 amtierender Landrat und Spitzenkandidat der SPD, möchte für Vermögensgerechtigkeit kämpfen, um den sozialen Aufgaben gerecht werden zu können. Es könne nicht angehen, dass 0,6 Prozent der Bevölkerung 33 Prozent des Vermögens halten. „Wir brauchen bundespolitisch soziale Finanzgerechtigkeit“, betonte Will. 2025 hätte der Kreis 253 Millionen an sozialen Transferleistungen an Bürger*innen im Kreis Groß-Gerau erbracht. Gerecht wäre eine Drittellösung von Bund, Land und Kommunen.
Lucian Lazar, Leiter der Regionalen Diakonie und Gastgeber des Abends, hat die Armut vieler Menschen, fehlenden Wohnraum und Mangel an Betreuungsplätzen täglich vor Augen. „Wir versorgen 5000 Menschen mit unseren Tafeln“, so Lazar und fragte die Kandidat*innen: „Was wollen Sie lassen, wo setzen Sie Schwerpunkte?“
Lars Nitschke möchte die Prävention in der Jugendarbeit verstärken, um soziale Sicherung langfristig zu erhalten. Marcus Kretschmann ist bemüht, sozialen Wohnungsbau durch private Investoren zu stärken und beklagte die bürokratischen Hemmschwellen. Robin Riedel möchte sich für kostenfreien ÖPNV für Bedürftige einsetzen und Ganztagsschulen fördern. Monika Freitagsmüller brachte zur Diskussion, dass es gemeinsame Anstrengungen und persönliche Gespräche brauche, um beispielsweise Senior*innen mit Leerstand in ihren Häusern Ängste zu nehmen, Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Ingrid Reidt nannte das positive Beispiel der Stadt Rüsselsheim, wo Universität und Haus der Senioren zusammenarbeiten, um generationsübergreifend Wohnraum zu schaffen. Thomas Will kündigte an, den vor acht Jahren initiierten Prozess zur Schaffung von mehr Wohnraum am Beispiel Stockstadt, wieder aufnehmen. Auch möchte er sich dafür einsetzen, dass „Frühe Hilfen für Familien“ nicht weiterhin als freiwillige sondern als pflichtige Leistung anerkannt und verstärkt werden. Mit dem Kanzleramtsminister will er demnächst „das antiquierte System der freiwilligen und Pflichtleistungen“ zur Sprache bringen.
Zur Diskussion mit dem Publikum kam der Fachkräftemangel, der sich vor allem in Kitas zeige. Freitagsmüller bemängelte, dass 11 von 13 Kitas in Groß-Gerau wegen Personalmangel nur 40 bis 60 Prozent der Plätze belegen könnten. „Fachkräfte putzen die Schulen, statt dort zu unterrichten“, kritisierte eine Teilnehmerin die rechtlichen Beschränkungen, die ausgebildeten zugewanderten Fachkräften den Zugang zum Arbeitsmarkt ganz oder zeitweise untersagen. Das Land Rheinland-Pfalz habe dagegen die Beschäftigungsaufnahme für Flüchtlinge erleichtert.
Einig waren sich die politischen Vertreter*innen aus dem Kreis, dass es auch künftig gemeinsame Anstrengungen von Kirche, Politik und Verbänden sowie Diskussionsveranstaltungen wie diese brauche, um soziales Miteinander und Gerechtigkeit im Kreis Groß-Gerau zu fördern und Verantwortung zu teilen.
Lars Nitschke sagte abschließend zur Rolle der Kirchen: „Bleiben Sie ein Ort, der Halt und Haltung gibt.“
Heidi Förster
Öffentlichkeitsarbeit
