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Holocaust-Gedenktag

„Nie wieder“ reicht nicht mehr und Erinnerung allein schützt nicht

© Michael RänkerDie Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Kreisverband Bergstraße, hatte auch in diesem Jahr an das Stolperstein-Mahnmal in der Bensheimer Fußgängerzone zu einer Gedenkveranstaltung aus Anlass des Holocaust-Gedenktages eingeladen.

Bei einer Veranstaltung der GEW Bergstraße aus Anlass des Holocaust-Gedenktages erinnerte Sabine Allmenröder vom Evangelischen Dekanat Bergstraße an deportierte jüdische Menschen aus der Region. Zugleich stellte sie die deutsche Erinnerungskultur infrage und rief zu Empathie, Dialog und demokratischer Verantwortung auf.

© Michael RänkerSabine Allmenröder rief zu Empathie, Dialog und demokratischer Verantwortung auf.

Anlässlich des Holocaust-Gedenktages hat Sabine Allmenröder, Referentin für Gesellschaftliche Verantwortung des Evangelischen Dekanats Bergstraße, bei einer Gedenkveranstaltung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Kreisverband Bergstraße, an die Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen erinnert und einen eindringlichen Appell an die Gegenwart gerichtet.

„Seit 1996 begehen wir in Deutschland den Holocaust-Gedenktag als Tag der Erinnerung“, sagte Allmenröder bei der Zusammenkunft am Stolperstein-Mahnmal in der Bensheimer Fußgängerzone. Der 27. Januar – der Tag, an dem vor 81 Jahren das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau befreit wurde - stehe für das Leid der Millionen Ermordeten und für eine bleibende Verantwortung.

Zugleich machte sie deutlich, dass die Verbrechen auch unmittelbar mit der Region verbunden sind. Vor vier Jahren hat das Dekanat an den Beginn der Deportationen von der Bergstraße erinnert. Am 24. März 1942 sind 71 Jüdinnen und Juden aus Orten wie Bensheim, Heppenheim oder Viernheim deportiert worden, darunter 16 Kinder. Keines der Opfer hat überlebt.

Allmenröder schilderte, wie aus Deportationslisten wieder Menschen wurden. Namen, Berufe, Alter und Adressen haben gezeigt, dass es sich um Familien, Nachbarn und Kinder handelte. Ihre Häuser wurden beschlagnahmt, ihr Besitz eingezogen und weiterverwendet. Bei Gottesdiensten und Stolperstein-Verlegungen wird bis heute an sie erinnert – ebenso an die Mitwirkung der damaligen Mehrheitsgesellschaft.

Doch Erinnerung allein reiche nicht aus, betonte Allmenröder. Man habe lange geglaubt, sie schütze davor, dass sich Geschichte wiederhole. „Wir haben falsch gedacht“, sagte sie. Rassistische Erzählungen kehrten zurück, richteten sich heute aber gegen andere Gruppen.

In diesem Zusammenhang zitierte sie kritische Stimmen aus der Gegenwart. Der Autor Max Czollek bezeichne Gedenktage als „Gesten deutscher Selbstvergewisserung“ und als „Versöhnungstheater“. Worte, die schmerzten, aber ernst genommen werden müssten. Auch die Journalistin Hadija Haruna-Oelker warf Allmenröder zufolge die Frage auf, ob Erinnerungskultur nicht zu oft ein bereinigtes Selbstbild stütze.

„Was machen wir jetzt?“, fragte Allmenröder. Die Gesellschaft erlebe Polarisierung, Ängste und zerbrochene Allianzen. Entscheidend sei, die Humanität nicht zu verlieren und den Schmerz anderer wahrzunehmen. Es brauche Empathie, ehrliche Gespräche über das Zusammenleben in Vielfalt und klare Haltungen gegen Rassismus – in Schulen, am Arbeitsplatz, in Politik und Gesellschaft. Wer glaube, nicht betroffen zu sein, irre. Wenn die Demokratie verliere, verlören am Ende alle.

Sabine Allmenröder schloss mit Auszügen aus einem Text der deutsch-iranischen Poetry-Slammerin und Journalistin Daniela Sepehri, die schildert, wie sie sie ihr Deutschland gegenwärtig erlebt.

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