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Verabschiedung von Pfarrer Christoph Geist

Erfolgreiches Engagement für soziale Gerechtigkeit wirkt

M. BefurtPreisverleihungPfarrerin Angelika Angerer (rechts) von der Diakonie Hessen verleiht das Kronenkreuz an Pfarrer Christoph Geist (links)

„Wir können Menschen in Not nicht liegen lassen!“ Davon ist Pfarrer Christoph Geist, der Initiator der Jugendwerksatt Gießen, überzeugt. Deshalb stand bei seiner Verabschiedung die zukunftsträchtige Frage im Zentrum, wie Kirche und Stadt die Lebenssituation ihrer Bürger verbessern können.

Anlässlich seiner Verabschiedung in den Ruhestand lud Pfarrer Christoph Geist von der Jugendwerkstatt Gießen am 5. Juli 2014 Politikerinnen und Politiker, Kirchenvertreterinnen und - vertreter sowie Quartiersmanager in die Werkstattkirche im Gießener Norden ein. Seine Gäste diskutierten über die Rolle der Kirche in der Stadtentwicklung und ihren Beitrag für eine lebendige Nachbarschaft. Pfarrer Christoph Geist gründete gemeinsam mit anderen 1982 die Jugendwerkstatt Gießen. Bis heute gibt sie Jugendlichen und jungen Erwachsenen durch Ausbildung und Qualifizierung Perspektive für ihr eigenes Leben und neue Chancen für einen Einstieg ins Berufsleben.

Soziale Kompetenz der Kirche

„Die Stadt muss die Kirche finden“. Mit dieser These drehte der bis zu seinem Ruhestand in Gießen tätige Professor für vergleichende Gesundheits- und Sozialpolitik Dr. Adalbert Evers das Thema der Veranstaltung „Kirche findet Stadt- Unterwegs zur lebendigen Quartiersentwicklung“, um. Aus seiner Sicht wird die Rolle der Kirche in der Stadtentwicklung viel zu häufig unterschätzt. Viele Bürgerinnen und Bürger engagieren sich mit großem zeitlichem Einsatz ehrenamtlich in sozialen Projekten von Kirche oder kirchlichen Vereinigungen oder nehmen deren Angebote wahr. Sie sind schon jetzt für die Probleme in ihrem Umfeld sensibilisiert. Städte und Gemeinden täten daher gut daran, die Erfahrungen und das Engagement der Kirchen zu nutzen.

Ein weiteres Plus der Kirche für die Stadtentwicklung hob Reinhard Thies, Geschäftsführer der Wohnbau Gießen, hervor: „Kirche kommt in jede Wohnstube und erfährt viel über die Einstellungen der Bewohner und Bewohnerinnen zu ihrem Stadtteil, über ihre Wünsche aber auch über ihre Sorgen“. Für eine gelingende Stadtentwicklung sei dieses Wissen von großem Wert.

Mit gutem Beispiel voran: Schutz vor Lärm im kirchlichen Palmencafé

Für den Gießener Dekan Frank Tilo Becher, früher selbst Pfarrer in einem sogenannten Problemstadtteil, war es sehr hilfreich, dass Vertreter der Stadt und Wohnungsbaumanager auf ihn zugekommen sind. Zwar seien Kirchengemeinden per se am Gemeinwesen orientiert, manchmal fehlten aber auch die Kontakte oder das Know How, wie man sich einbringen kann. So fragten Stadtplaner ihn, ob man für die Bewohnerinnen und Bewohner des Stadtteils einen Rückzugsraum in der Kirche schaffen könne, da sie im Zuge von Umbaumaßnahmen einer großen Lärmbelästigung ausgesetzt seien. Damals  entstand das Palmencafé in den Räumen der Kirchengemeinde für die Bewohner des Stadtteils. Für die Kirchengemeinde sind dadurch neue nachbarschaftliche Beziehungen entstanden.

Grünes Licht für EKHN-Projekt „DRIN“:  gegen Armut und Ausgrenzung

Einzelnes Engagement will die Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) nun auf breitere Füße stellen: Das Projekt „DRIN“ will dazu beitragen, Armut und gesellschaftliche Ausgrenzung durch gemeinschaftliches Engagement zu überwinden. Kirchengemeinden und regionale diakonische Werke sind aufgerufen gemeinsam mit Vereinen, Städten und Gemeinden und  anderen zivilgesellschaftlichen Gruppen Projekte zur Armutsprävention aufzubauen und Nachbarschaft zu leben. „Dafür stellt die EKHN drei Millionen Euro bereit“, so Pfarrerin Margarete Reinel von der Diakonie Hessen.
Nach Ansicht von Oberkirchenrat Pfarrer Christian Schwindt setzt die Kirche mit diesem Projekt einen Impuls, um den gesellschaftlichen Wandel menschenwürdig zu gestalten: „Wir müssen auch im Kontext der Quartiers- und Regionalentwicklung das Sozialstaatsgebot immer im Blick behalten und alles daran setzen, dass Menschen trotz möglicher Strukturveränderungen ein selbstbestimmtes Leben führen können. Die Sicherung sozialer Teilhabe und die Chance auf sie muss dabei eine wichtige Richtschnur bleiben. Das bedeutet aber auch, dass wir eine innere Haltung zu den anstehenden Veränderungen entwickeln müssen, die es uns ermöglicht, auf gute Weise gemeinsam Veränderungen zu gestalten. Die Evangelische Kirche versteht sich als Kooperationspartner vor Ort und möchte hier gerne das ihr Mögliche beitragen.“ Die Arbeit soll im Herbst mit einem Projektbüro beginnen, das interessierte Gemeinden und Einrichtungen beraten sowie die Bewerbungen um die Projektmittel koordinieren wird.

Gemeinsam der Schrumpfung auf dem Land die Stirn bieten

Die Oberbürgermeisterin der Stadt Gießen, Dietlind Grabe-Bolz, dankte Pfarrer Christoph Geist für sein Jahrzehnte langes Engagement in der sozialen Stadtentwicklung und sieht ihn auch weiterhin als Garant dafür, dass Menschlichkeit und soziale Teilhabe eine wichtige Stimme bei zukünftigen Projekte haben werden. Gemeinsam habe man in der Gießener Nordstadt viele Erfahrungen gesammelt, so dass sie mit Optimismus auf die nächsten Projekte schauen kann.

Auch der Regierungspräsident Dr. Lars Witteck hat mit Blick auf die Stadt Gießen keine Sorgen. Die Stadt wird weiter wachsen. Ihn beunruhigen die Schrumpfungsprozesse in den ländlichen Räumen. Hierfür  müssen in Zukunft gemeinsam Lösungen gefunden werden.
„Dafür kann und muss die Politik Rahmenbedingungen setzen“, so die Landrätin den Landkreises Gießen, Anita Schneider. „Die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger muss aber vor Ort entwickelt werden“. Sie sind die maßgeblichen Akteure und müssen mitgenommen werden.

Gemeinsames Engagement und langer Atem

Am besten gelingt soziale Stadtentwicklung, wenn Rathäuser und Ämter, Wirtschaft, insbesondere die Wohnungswirtschaft und Zivilgesellschaft, also auch die Kirchen, ihre Erfahrungen zusammenbringen und Netzwerkqualitäten wie Vertrauen, Kooperations- und Koproduktionsfähigkeit  entwickeln. Dazu braucht es eine gemeinsame Idee und einen langen Atem. Darüber waren sich die Beteiligten an der Diskussion einig und auch bereit, sich dafür zu engagieren. Und die guten Erfahrungen von Gießen werden dabei helfen.

Zur Person
Pfarrer Christoph Geist gründete gemeinsam mit anderen 1982 die Jugendwerkstatt Gießen. Sie gibt Jugendlichen und jungen Erwachsenen durch Ausbildung und Qualifizierung bis heute eine Perspektive für ihr eigenes Leben und neue Chancen für einen Einstieg ins Berufsleben.
Ab 1988 begleitete er die Jugendwerkstatt Gießen und andere oberhessische Qualifizierungsprojekte als Sozialpfarrer im Amt für Industrie- und Sozialarbeit und später im Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Seine Arbeit betrachtete er immer auch als kirchlichen Beitrag für das Gemeinwesen. „Die biblische Botschaft richtet sich auf Gerechtigkeit. Ungerechtigkeit und Benachteiligung von Menschen hat mich mein ganzes Leben motiviert, etwas dagegen zu tun“, so Pfarrer Geist. Und das wird er auch weiterhin tun, ab jetzt ehrenamtlich. Sein Lebensmotto ist: „Tu deinen Mund auf für die Stummen und die Sache aller, die verlassen sind“ (Sprüche 31,8)


Margit Befurt, Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung der Ev. Kirche in Hessen und Nassau

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